Bericht zur Tagung 2026 »Diversität im Rechtssystem«

Dass Recht nicht im luftleeren Raum entsteht, angewendet und erfahren wird, sondern von den Biografien, Erfahrungen und Perspektiven seiner Akteur:innen geprägt ist, findet in der rechtswissenschaftlichen Debatte zunehmend Beachtung. In einer pluraler werdenden Einwanderungsgesellschaft ist die Frage nach Diversität im Rechtssystem damit zugleich eine Frage nach Akzeptanz, Vertrauen, Teilhabe und institutioneller Legitimität. Unter diesen Leitgedanken stand die Auftakttagung des Center for Diversity in Law am 19. Februar 2026 am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg.

Nach einer Begrüßung durch den Head des Centers, Prof. Dr. Emanuel V. Towfigh und die Co-Head Prof. Dr. Iris Canor sowie Katja Lenz (Stiftung Mercator) eröffnete die Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz Dr. Stefanie Hubig die Tagung mit einer Keynote. Darin betonte sie, dass die Förderung von Diversität im Rechtssystem nicht nur eine originäre Frage der Gerechtigkeit sei, sondern qualitativ zu einem besseren Rechtssystem für alle führe.

       

Die Impulsvorträge aus Anwaltschaft von Dr. Roya Sangi (Rechtsanwältin und Partnerin, Redeker Sellner Dahs), Justiz und Verwaltung von Sandra Kim (Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen) und Wissenschaft von Prof. Dr. Indra Spiecker gen. Döhnmann (Universität zu Köln) machten deutlich: Ein Mehr an Diversität birgt Innovationspotenzial, führt zu reflektierteren Entscheidungen und stärkt die Legitimation juristischen Handelns. Zugleich bestehen weiterhin strukturelle Exklusionsmechanismen – etwa in der juristischen Ausbildung, bei informellen Zugängen zu Netzwerken oder im Umgang mit politischem Druck auf Diversitätsinitiativen.

In den sogenannten »Diversity Labs« traten die Teilnehmende in den direkten Austausch innerhalb ihrer Berufsgruppen. Dort wurden die in den Impulsvorträgen aufgeworfenen Fragen praxisnah vertieft. Diskutiert wurden insbesondere die soziale Selektivität der Ausbildung, die Wahrnehmung der Justiz als geschlossenes System sowie Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung institutioneller Akteur:innen. Mehr Transparenz, stärkere Vernetzung und niedrigschwellige Informationsangebote wurden als zentrale Ansatzpunkte identifiziert.

Am Nachmittag stand sodann die Forschung im Mittelpunkt. Es wurden die Forschungsagenda des Centers sowie die Dissertationsprojekte der wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen des Centers vorgestellt. Helena Kaim und Julian Russo führten zunächst in die theoretischen und verfassungsdogmatischen Fragen ein, etwa nach einem verfassungsrechtlichen Diversitätsverständnis oder einem normativen Maßstab für Diversität. Im Anschluss stellte Benedikt Surmann die empirische Arbeit des Centers vor, welche, ausgerichtet auf den Rechtsstab, bestehende Forschung zusammenführen, existierende Daten auswerten sowie punktuell selbst neue Daten erheben soll. Die an die Präsentation anschließende Diskussion wurde dazu genutzt, sowohl Fragen zu einzelnen Projekten zu beantworten als auch grundsätzliche Fragen zum Verhältnis zwischen Empirie und Dogmatik zu diskutieren.

Den Abschluss des Tages bildete ein Austausch über die Ergebnisse aus den Workshops und Resonanzen. Besetzt wurde dafür ein Panel mit Teilnehmenden der unterschiedlichen Diversity Labs: Bianca Städter (A&O Shearman), Gudrun Schäpers (Präsidentin des OLG Hamm), Dr. Amadou Sow (Humboldt-Universität zu Berlin) und Prof. Dr. Mathias Hong (Hochschule Kehl). Es wurde intensiv diskutiert, wie die Ergebnisse akademischer Forschung die institutionellen Praxis sinnvoll begleiten und unterstützen sowie in der Praxis implementiert werden können. Einigkeit bestand darin, dass strukturelle Veränderungen nur durch nachhaltige Anpassung der Rahmenbedingungen erreichbar seien.

Die Tagung verdeutlichte insgesamt, dass die Förderung von Diversität im Rechtssystem nicht nur ein Gebot individueller Gerechtigkeit, sondern eine strukturelle Notwendigkeit zur Sicherung der rechtsstaatlichen Resilienz ist. Diese Erkenntnis wurde durch intensiven Austausch und Anregung der Teilnehmenden unterstrichen und ergänzt. Das Center for Diversity dankt deshalb ganz herzlich allen Referent:innen, Panelist:innen und Teilnehmen für die rege Beteiligung, die Offenheit und die engagierten Diskussionen!

 

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