Weinberg, Selbstbestimmte Identität

Nils Weinberg, Selbstbestimmte Identität, Mohr Siebeck – Diversität und Gleichheit im Recht, April 2026

Wer sich vor Gericht auf seine Identität beruft, will seinem Anliegen Gewicht verleihen. Doch was bedeutet Identität im Recht? Nils Weinberg untersucht, warum und in welcher Form das Recht dem Einzelnen Identität zuschreibt, und zeigt, dass dieses Argument erst im Antidiskriminierungsrecht systematisch fassbar wird. Dort wird Identität anhand der Kategorien Geschlecht, Religion und Behinderung zugleich als verfügbar und unverfügbar behandelt. Ausgehend von der Rechtsprechung zu personenstandsrechtlichen Geschlechtseinträgen, transgeschlechtlichen Ansprüchen im Sozial- und Krankenversicherungsrecht, religiöser und queerer Identität im Flüchtlingsrecht sowie zum Diskriminierungsverbot wegen Behinderung wird eine innere Spannung sichtbar: Die Kategorien, die das Individuum schützen sollen, begrenzen es zugleich. Diese Dialektik – Identität als Widerspruch – ist die Bedingung dafür, dass das Recht Freiheit gewähren kann. In Anlehnung an Hegels Freiheitsbegriff entwickelt der Autor eine Konzeption rechtlicher Identität als „Form der Freiheit“ des liberalen Antidiskriminierungsrechts. Freiheit bedeutet nicht Willkür, sondern Selbstbestimmung im Verhältnis zu Anderen. Damit Freiheit nicht erstarrt und zur Unfreiheit wird, muss das Recht seine Kategorien dynamisieren – ohne sie der Beliebigkeit preiszugeben.

Inhaltsübersicht:

1. Auf der Suche nach Identität: Ein Dialog mit der feministischen Rechtswissenschaft – 2. Methode: Immanente Kritik des Rechts – 3. Gang der Untersuchung
Teil 1: Rechtsprechungsanalyse – Annäherungen an den Begriff der Identität
I. Geschlecht
1. Verfassungsrecht: Der amtlich erfasste Geschlechtseintrag – 2. Krankenversicherungsrecht: Menschliche Körper und geschlechtliche Standards – 3. Asyl- und Flüchtlingsrecht: Sexuelle Identität als Konstituens einer bestimmten sozialen Gruppe
II. Religion
1. Verfassungsrecht: Religionsfreiheit und antidiskriminierungsrechtliche Gleichwertigkeit – 2. Schulrecht: Der gelebte Glaube – 3. Flüchtlingsrecht: Die Konversion der Konvertierten
III. Behinderung
1. Verfassungsrecht: Von bevormundender Fürsorge zum Schutz von Selbstbestimmung – 2. Zwangsbehandlungsrecht: Die Freiheit des unfreien Willens – 3. Sozialrecht: Das Wunsch- und Wahlrecht behinderter Menschen
Teil 2: Das Argument »Identität« im liberalen Antidiskriminierungsrecht
IV. Der Widerspruch des liberalen Antidiskriminierungsrechts
1. Die Logik des liberalen Antidiskriminierungsrechts – 2. Identität als Widerspruch des liberalen Antidiskriminierungsrechts – 3. Drei mögliche Einwände
V. Die Form der Freiheit des liberalen Antidiskriminierungsrechts
1. Rückblick: Was ist Identität? – 2. Selbstbestimmung: Identität als zweite Natur – 3. Der aufgehobene Widerspruch: Identität in der antidiskriminierungsrechtlichen Dogmatik
Schluss